Aufgehen

(Auszug aus einer Erzählung)  ©Ulrike Miesen-Schürmann 2005

 

Seine Hand auf dem Knauf schließt er das schmiedeeiserne Gartentor und hat den morgendunklen Weg mit den zugewachsenen Radspuren vor sich. Die Vögel fühlen die Sonne schon und feuern sie an. Heinrich wünscht sich einen Morgen wie diesen, an dem er wie heute im Dunkeln aufwacht und der Wald ihn ruft, doch bisher tat er es nie. Trotzdem trägt er seine massigen 60 Jahre dorthin. Sein Schnaufen stört ihn nicht. Seit Jahren verliert er seine Kraft und sucht sie in dornigen Brombeerranken, am kalten Bach oder auf seinem Lieblingsplatz: ein scharfkantiger Stein zwischen hohen Eichen. Die blauen Flecke an seinem Hinterteil lässt er nicht verheilen. Sein Rückgrat bevorzugt den Sessel. Heinrich meint, den verdiene er nicht mehr. Deshalb setzt er sich auf ihn, will sich fühlen, will sich martern, bis sich Eidechsen auf ihm sonnen, Eichhörnchen im Herbst ihre Nüsse zerschlagen und der Dachs an ihm sein verlaustes Fell schubbert. Heinrich möchte Stein sein. Keiner soll mehr Angst haben - vor ihm. Manchmal denkt er, er habe es geschafft. Er sitzt so ruhig, dass eine Maus an seinem Schuh schnüffelt, doch der Eichelhäher, die Waldpolizei, findet ihn immer wieder. Er kreischt und stellt seinen rosa Kamm auf. Die Vögel flattern panisch auf, die Kaninchen springen davon, heute wie damals. Dabei hat er kein Gewehr dabei. Seit 10 Jahren steht es im Schrank. Seitdem bittet er hier um Asyl. Heinrich kann nicht mehr jagen. Er wird gejagt. Das Morgengrauen bringt ihn an den Tag. Die Flucht der Tiere treibt ihn zurück nach Hause. Das Aufstehen ist schmerzhaft,  das Leben auch. Aus der Ahnung des Lichts wird ein strahlender Tag ohne Wolken. Sommertage kann Heinrich genauso wenig ertragen wie sich selbst. Er quält seine Kilos auf die Beine.

Seine Frau ist bereits aufgestanden und schlurft ebenso schwer wie er durch die Küche. Heinrich liegt ihr und ihm unverdaulich im Magen. Als das anfing, war er mit seinen 50 noch ein Mann, mit dessen Armen man sich ungern anlegte. Heute sind 10 Jahre vergangen und seine Arme weich.

Die Sterne werden blass. Die Sonne schlürft die letzte Feuchtigkeit aus der Luft.

 

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Seine Frau Barbara sitzt an diesem Abend am Esstisch der Wohnstube über diversen Kochbüchern, davor ein Block, auf dem sie etwas notiert. Die alte Standuhr der Schwiegereltern tickt laut. Heinrich vergisst nie, sie jeden Montag aufzuziehen. Zeit ist ihm wichtig, besonders wenn sie vergeht. Für ihn kriecht sie jetzt nur noch. Der Gong der Uhr krächzt acht Mal. Barbara schaut erschrocken auf das Zifferblatt. Daraufhin schießt ihr Stift über das Papier. Zu dieser Stunde erscheint er zum Fernsehen. Ihre Schrift wird krakelig. Manchmal stoppt sie. Dann scheint sie sich zur Konzentration zu zwingen, wie ein Stratege im Krieg, der sich ständig auf neue Frontlinien einstellen muss. Da kommt er herein, erstaunt sie dort zu sehen, wo er ist.

„Du bist hier?“, fragt Heinrich. Er kann sich nicht vorstellen, dass sie mit Absicht geblieben ist. Alles, was Babs macht, hat Hand und Fuß. Er zögert den Fernseher anzuschalten. Heinrich möchte sie nicht von ihrer Arbeit abhalten, auch wenn er weiß, dass sie ihre Kochkurse gibt, um aus dem Haus zu kommen, weg von ihm.

„Tu so, als ob ich nicht da wäre!“, sagt seine Frau ohne ihn anzuschauen. Er stellt den Fernseher an. Heinrich weiß nicht, was läuft. Er möchte nur, dass etwas läuft. Dann studiert er das Programm.

„Die Kripo in Hamburg bearbeitet einen Fall, der sich inzwischen über vier Jahre hinzieht. Vier Frauen wurden im Raum Hamburg vergewaltigt. Alle beschreiben den Mann als kräftig und muskulös und ca. 1,80 m groß. Die Ähnlichkeit der Tathergänge brachte die Kripo zu dem Schluss, dass es sich um ein und denselben Täter handeln muss. Alle Fälle passierten im Sommer und ...“

Heinrich zuckt zusammen, als seine Frau mit einem Aufschrei den Stuhl über die Fliesen schiebt und aus dem Zimmer läuft.

„... alle Frauen trugen kurze rote Kleider. Es wird angenommen, dass der Täter noch mehr Frauen in Hamburg belästigt oder sogar vergewaltigt hat.“

Scheiße! XY – ungelöst. Vergewaltigung. Er will Barbara hinterherlaufen, immer noch und immer wieder. Dabei wusste er bisher nur, dass es gut war, sie nicht anzufassen. Von ihm wollte sie sich nicht mehr helfen lassen.

Er schaltet auf ein anderes Programm um und setzt sich in den Sessel.

Auf dem Tisch neben ihm klingelt das Telefon. Die wenigsten Anrufer wollen ihn sprechen. Er mag die Schmach nicht, den Hörer an Barbara weitergeben zu müssen, aber jetzt nimmt er sie auf sich.

„Heinrich Störmann?“

„Hallo Papa! Ich bin’s. Wie geht es dir?“

„Oh, Sven. Schön, dass du anrufst. Möchtest du Mama sprechen?“ Der Vater freut sich immer, wenn eins der drei Kinder anruft. Seinem Sohn kann er jedoch nicht sagen, dass sie wegen ihm frische Luft schnappen ist. Er fürchtet sich, sie jetzt zu suchen und zu finden.

„Ach, das kann ich sicher mit dir besprechen.“

Heinrich ist überrascht. So viel Nettigkeit ist er von Sven nicht gewöhnt. Sollte er Barbara holen?

„Dann schieß los!“ ruft sein Vater und tritt die Flucht nach vorn an.

„Wir haben euch etwas zu erzählen ... Können Melanie und ich morgen zum Kaffee zu euch kommen?“, fragt Sven.

Er ist immer direkt und sicher wieder auf dem Weg nach oben, denkt Heinrich stolz.

„Oder passt es euch nicht?“ setzt sein Sohn nach.

„Rentner können sich ihre Zeit einteilen, sag’ ich doch immer, Junge!“ Er erinnert sich nicht, dass Sven diesen Spruch je von ihm gehört hat. Seit seinen zwei Jahren Vorruhestand hat er nicht mit ihm telefoniert.

„Ja. Wir kommen dann um die Kaffeezeit“, sagt Sven.

„Ich sag’ Babs sofort Bescheid. Dann gibt’s noch Kuchen.“ Heinrich glüht.

„Das wird ja immer besser. Ich freu‘ drauf und wünsch’ euch noch einen schönen Abend!“, ruft der Sohn.

„Schlaf gut!“ Gesagt und für peinlich befunden. Heinrich sieht Sven als kleinen Jungen, der seine Beine umschlingt. Damals herzten ihn seine kurzen Arme. Für morgen ist er nicht so optimistisch.

 

Barbara kommt wieder in die Stube, als Heinrich den Hörer auflegt. Er ist immer noch verwirrt und schaut sie ebenso an. Sie ist etwas blass. Sie holt die Bücher, um dann in einem anderen der vielen Zimmer des alten Landhauses weiterzuarbeiten oder fernzusehen.

„Geht’s dir besser, Babs?“, fragt er.

„Wer war das?“, will Barbara wissen. Heinrich sieht das Taschentuch in ihrer Hand und weiß, dass es morgen kein entspannter Nachmittag mit Sven und seiner Frau wird. Hat sie sich übergeben? Hat sie geweint? Ihre dicken Arme sind braungebrannt. Ihre grauen Löckchen kringeln sich um ihre Lesebrille, die ihr tief auf der Nase hängt. Ihr Blick darüber ist fest auf ihn gerichtet. Daran hat sie in den letzten Jahren gearbeitet.

„Sven war’s. Er kommt morgen mit Melanie zum Kaffee.“ Heinrich berichtet so kurz, als ob seine Frau mit jedem weiteren Wort belasten würde.

Barbara nimmt ihre Brille ab. Er merkt, dass er zu wenig erzählt hat.

„Warum hast du mich nicht geholt?“, fragt sie.

„Ich wollte, aber Sven meinte, es sei nicht nötig,“ antwortet er und betrachtet sie. Jetzt hat er endlich wieder einen Grund dazu. Sonst läuft alles seinen gewohnten Gang, bei dem kein Blick notwendig ist. Wenn er morgens draußen ist, steht sie auf und kocht Kaffee. Dann geht sie ins Bad. Er frühstückt und liest die Zeitung. Wenn sie in die Küche kommt und eine Duschbadfahne hinter sich herzieht, geht er hinaus, obwohl er nicht möchte. Heinrich weiß, dass sie lieber ohne ihn isst. Morgens ist es machbar. Es kann nichts kalt werden. Für Tee und Kaffee haben sie Thermoskannen.

Heinrich sieht ihre zu Spitzen gezogenen Augenbrauen.

„Hat er gesagt, warum sie kommen wollen?“, fragt Barbara und nestelt an den Seiten eines Buches.

„Nur dass er uns etwas mitteilen möchte. Mehr wollte er nicht sagen. Etwas merkwürdig…“

„Komisch!“, murmelt seine Frau, klemmt ihre Bücher unter den Arm und will gehen.

„Achja“, ruft er ihr nach, „würdest du wohl einen Kuchen backen? Sven freut sich schon drauf.“

„Sicher. Was könnte ich backen?“, murmelt Barbara gen Fliesenboden. Heinrich erkennt zu spät, dass sie die Frage nur sich selbst gestellt hat.

„Frankfurter Kranz!“, ruft er und empfängt diesen verwirrten Blick, als wenn sie vergessen hätte, dass er noch da ist. Er ist bereits abgeschaltet. Heinrich hat die Entwicklung dieser Fertigkeit über die Jahre beobachtet. In den letzten Monaten schiebt sie den Zeitpunkt des Schaltens nach einer Unterhaltung mit ihm immer weiter nach vorn.

Barbara presst den Stapel Bücher an ihre Brust und verlässt die Stube.

 

Heinrich zappt unaufmerksam herum, sieht nicht, was auf dem Bildschirm passiert. Er hat die Hoffnung auf die Ankunft eines großen schnellen Autos. Aus ihm steigen die große Melanie und Sven im Anzug mit Krawatte, etwas blass vom Stadtleben, aber strahlend mit einem Blumenstrauß für Barbara. Der Sohn umarmt seine Mutter. Alle Stimmen sind laut und fröhlich. Sven kommt zu ihm, ergreift erst seine Hand mit einem festen Druck und umfasst dann wie früher seine Schultern, um ihn an seine Brust zu ziehen. Dabei lacht er seinen Vater an mit einem Gesicht von 20 Jahren. Heute ist er 30. Als er 20 war, ging er schnell von zu Hause weg und kam nur noch zum Kaffee. Ihm gab er nur noch kurz die Hand. Gelacht hat er nicht mehr.

Das schönste Lächeln hat Diana, seine Älteste. Sie ist sanft mit ihren Kindern und mit ihm. Er hätte sie gern dabei. Sie würde ihm später ihre Eindrücke ihres kleinen Bruders schildern. Hat er es wirklich geschafft? Ist er wirklich oben? Es wäre angenehmer sie zu fragen, als auf Barbaras kurze Antworten zu lauern. Die Geschwister sehen sich zu selten, findet der Vater. Diana müsste nur am See vorbeiradeln. Dann wäre sie schon da. Besser nicht! Nein! nie! … Sven fand Diana immer langweilig. Also nein!

Irene würde sofort kommen, wenn Barbara ihr Bescheid gäbe. Sie rief ihren Vater „Sklaventreiber“ und „Vergewaltiger“, als er sich damals mit allen zum Milchreis an den Tisch setzen wollte. Die Küche verließ er noch verärgert, über den Flur lief er schon mit weichen Knien und in der Scheune weinte er.