Der Cappuccino danach    ©Ulrike Miesen-Schürmann 2006

 

Aufwachen am Montagmorgen: Mein Bett ist leer. Die Schwaden in meinem Kopf sind Reste seines süßlichen Aftershave und dem Rotwein danach, zusammengequetscht von einem Schraubstock. Stöhnend erblinzele ich das Glas Wasser mit einer Aspirin und den Zettel „Bis später! Kuss, K.“ daneben. So viel Mühe hat er sich noch nie gemacht. Kein gutes Zeichen. Nicht dass er auf die Idee kommt, sein Comingout zu veröffentlichen! Bloß kein Paar sein!

Hinter meinem Fenster prangt der Himmel so blau wie ich gestern und dieser blaue Montag heute. Im Badspiegel genügt dieses Mal der Weichzeichner meiner Kurzsichtigkeit nicht, um zu übersehen, wie miserabel ich aussehe. Deshalb lasse ich das Rasieren und greife nur zu Schlabbershirt, Turnschuhen und Jeans. Armani bleibt im Schrank. An Frühstück ist nicht zu denken, nur ein scheußlicher Schluck Milch aus einem verschmierten Weinglas von gestern. Raus an die Luft – das muss helfen! Geniales Wetter zum Fotografieren. Ich packe die Kamera in den Rucksack. Noch ist sie ohne Film. Es taucht ein verschwommenes Date mit ihm zum Cappuccino um ich-weiß-nicht-mehr Uhr auf. Er wird sich ganz sicher melden.

Fotografieren und shoppen – ein guter Tag!

 

Die Thermojacke macht dick, aber hält warm. Restalkohol nicht unterschätzen! Ich rate mir den Bus zu nehmen. Die Sonne zwängt mir meine Sonnenbrille auf die Nase. Sie hält mich und andere von mir fern. Dabei bemüht sie sich innig um gute Miene zum bösen Liebe-Sonne-Spiel. Ich lasse mich in die Stadt schaukeln, schaue dabei den zuckenden Augenpaaren der Fahrgäste zu, die lieber nach draußen schauen als sich für ihre Mitfahrer zu interessieren. Das ist auch bei Regen so. Schweigen. Aussteigen.

 

In keinem anderen Ort als in der Stadt findet man so viel verschieden verzogene Gesichter. Es ist Mittag, ein kalter, aber sie sind alle unterwegs. Da steht der Handwerker in bekleckerter Latzhose am Tisch und rührt versonnen in seiner Plastiktasse Kaffee. Daneben liegt eine kleine weiße Tüte. Was darin ist, kann man an seinem Schmunzeln ablesen: ein Geschenk - Parfum oder ein Dessous für Frau, Freundin oder gar Geliebter? Nein, seine Haut sieht so ehrlich aus wie die aufgeplatzte Hornhaut seiner Handballen. Kann es für solche Griffel jemanden geben, der sich davon anfassen lässt? Für mich wär‘ das nichts! Aber von diesen Händen, dem Mund mit Tütchen jetzt ein Foto – das wär’s! KLICK!

Ey! Beinah hätte mich der Besitzer dieses Alltagsaftershaves mit den Trenchcoatschwänzen umgerannt. Die Fahne ist schlimmer als meine gekühlten Kopfschmerzen. Der Typ weht ohne Entschuldigung und mit einem großen Karton weiter. Der Inhalt dürfte sich zwischen Ghettoblaster und Drucker bewegen. Nicht billig! Ob Schnäppchen oder nicht, der lächelt nie über seine Einkäufe. Graue Haare, weil sich die Falten um den Mund vermehren und der Sohn schon mindestens genauso groß ist, am Computer größer. KLICK!

 

Wann meldet er sich endlich? Ich darf nie bei ihm anrufen. Zum Warten und Aufwärmen gehe ich in einen Fotoladen und stöbere in den Wühlkörben mit den Filmen. Ein fast altes Paar tütet zwei Filme ein. Die Frau zieht am Kugelschreiber mit der Kette und schreibt Namen und Adresse auf den Schnipsel. Der Mann öffnet umständlich eine Fototasche und würgt zwei Döschen hinein. Sie schnalzt unzufrieden und schüttelt den Kopf. Nur ein Film pro Tasche! Die Erholung aus dem Urlaub ist perdu. KLICK!

Mit einem 4-er-Pack Filme, 200 Asa gehe ich zur Kasse.

7 Euro 99, dazu noch vier Entwicklungsgutscheine, damit ich wiederkomme. Wo ist mein Geld? Links, rechts vorn, links, rechts hinten. Tasche für Tasche im Rucksack. Nichts. Ich werde rot. Ich hasse Scham! KLICK! Der Verkäufer kennt mich, hat mir schon viel verkauft. Mit zahnreichem Lächeln frage ich ihn, ob er für mich anschreibt. Früher ging so etwas. Vergiss es! Unsoziale Welt! Auf solche Deals lässt sich der und keiner mehr ein, egal wie ehrlich dein Gesicht und wie gefüllt dein Portmonee sonst ist. Jetzt ist es sonstwo – andere Hose, andere Tasche, bei ihm im Auto – bloß nicht! KLICK! Ich flutsche hinaus und stehe mittellos wie ein Kind ohne Taschengeld mit plattgedrückter Nase an der Scheibe und sehe, wie mein Verkäufer meine Filme wieder in den Grabbelkorb wirft. KLICK! Keine Münze, kein Schein, kein Plastik!

Dann bin ich sogar Schwarz gefahren. Ich müsste nach Hause laufen. Müsste ich, will ich nicht!

Kein Geld. Das will mir jetzt die Sonne und meinen blauen Montag verhageln. Nein, er wird mir was leihen. Er ist lieb und großzügig. Mein Handy klingelt wie gerufen. Er. Was? Das tut mir leid. Sehr schade! Absage: Frau und Kind müssen zum Arzt. Braver Vater! Ich bin nicht scharf auf seinen Krankheitsbericht, aber ohne ihn und ohne Geld. Dann wird auch nichts aus meinem Cappuccino, der mir den Schraubstock um den Kopf lockern sollte.

 

Neben mir steht ein Penner mit aufgeribbelten Fingerhandschuhen. Er müffelt in meine Richtung. Der hat mehr Geld auf seiner Pappe als ich in meiner Hosentasche. KLICK! Dem würde ich keinen Cent geben! Würde mir jemand einfach so Geld geben? Sehe ich dafür abgerissen genug aus? Betteln ist ekelig. Ich habe Geld! Nur nicht hier und jetzt. Sieht man mir das an? Bei den Typen im Bahnhof mit dem Ziel Hamburg erkennt man nicht, dass ihnen mehr fehlt als nur der eine Euro. Es sei denn, man sieht sie täglich dort herumlungern, immer in den gleichen Klamotten. KLICK! Mein Kleiderschrank ist voll. Trotzdem bin ich ohne Geld und allein. Mir kriecht die Kälte unter die Jeans. Blöder Montag! Ich will nur noch den Cappuccino in Gesellschaft. Dann gehe ich! - Das ist es! Ich erschnorre mir einen!

Schlendernd schaue ich mir die Leute an. Mit wem würde ich ihn trinken wollen? - Ich könnte eine schicke Blondine ansprechen und ihr erzählen, dass ich sie unbedingt kennen lernen möchte. Wenn sie blond und emanzipiert genug ist, spendiert sie ihn mir vielleicht und ich muss nicht so tun, als hätte ich den Verlust meines Portmonees jetzt erst bemerkt. Aber will ich das?

Die Oma dort mit Trachtenhut und Lodenmantel? KLICK! In so einem Hütchencafé könnte ich mit ihr über ihre Kinder quatschen, die sie zwei Mal im Jahr besuchen. Einmal davon ist Weihnachten. Die Geschenke von ihnen sind teuer und voll von schlechtem Gewissen, weil sie keine Lust haben, öfter zu kommen. Sie haben nie Zeit, wird das Muttchen mir verständnisvoll erzählen. Nein, danke!

Wie wäre es mit dem runden Bärtigen mit großem Hut, Zeitung unter dem Arm und Pfeife im Maul? Er sieht so aus, als ob ihn sein Dispokredit nicht interessieren müsste. Sicher holt er die halbe Brille heraus, wenn er liest. Darüber grient er mich gönnerhaft an und fragt mich über meine Zukunftsaussichten aus. KLICK! Wenn er mir verspricht, einen besseren Job zu besorgen, will er mit mir ins Bett. Weg ist er.

Lieber die Kennen-lern-Tour!

Großgeschminkte Augen, Schmollmund, abgefressene rote Haare, hochgesteckt, will jünger sein als sie ist. Opfer No. 1! Ich schlängele mich an ihre Seite: „Dürfte ich sie zu einem Cappuccino einladen?“

Sie bleibt stehen und glotzt mir blöd ins Gesicht. „Warum das denn?“ KLICK!

Ich muss einen Schritt mehr machen. Hoffentlich versteht sie mich überhaupt! „Weil sie mir gefallen!“ Grinsen. Sie hat’s begriffen. Endlich hat sich ihr Aufwand mit Friseur und Kosmetiker gelohnt. Nun bin ich dran: ihr Musterblick von oben bis unten. KLICK! Was für ein Aufhebens die um eine Tasse Kaffee macht! Ein bis zwei Euro! Ein Lippenstift kostet mehr als das Dreifache.

„Nein danke!“, flötet sie und geht. Lässt mich diese Heteroschnalle stehen! Ich will ihr etwas hinterher rufen von Nichtnötighaben und kreuzweise, tue es aber nicht. Vielleicht hat sie nur keine Zeit?

Welche, von denen, die hier das Pflaster platt treten, haben Zeit? Jeder hat einen Plan, wann von wo nach wo, kaufen dies und das, dann und dann zurück. Alle anderen sind arbeitslos, Penner oder Rentner.

 

Dort strahlt mein Coffee-Shop mit funkelnden Fensterscheiben. Ich rieche warme Kaffeebohnen. KLICK!

Eine mittelalterliche Hundebesitzerin mit Dauerwelle überlegt, ob sie hineingehen soll. Ihre Polster verraten Genuss. Liebe Menschen lieben Tiere. Menschen auch? Einen Cappuccino lang? Nachher werde ich zum nie gehabten Sohn, auf den sie stolz sein will. Sie lädt mich nach Hause ein. Messingleuchter und Löwentatzen am Kanapee. KLICK! Dazu erzähle ich ihr Märchen von mir als armem Kunststudenten, der alte Meister kopieren muss, um sich über Wasser zu halten. Die Hundenase zieht beide weiter.

Die Mutter mit Baby vor dem Bauch geht sicher nie hier einen Kaffee trinken. Gewebte Jacke und Mütze für die ganze Familie. KLICK! Dies kann mein Kind schon, das auch. Kaffee? Nie! Nur Tee.

Die 3er-Familie dort? Mama und Papa schützen ihr Kind gegen alles und mich.

Ich will doch nur einen Kaffee!

Wie wäre es mit dem schmalen Zigarillo-Mann, der wacker draußen am Stehtisch seinen Espresso schlürft? Sein Gesicht ist geschlossen, sicher besonders für so etwas Unrasiertes wie mich, bei der graden Frisur. KLICK! So gepflegt wie er würde auch das Gespräch sein. Würde. Seine Tasse ist leer. Er lässt sie und mich stehen.

Stehen kühlt ab. Gehen wärmt auf, hoffe ich. Ich reihe mich ein, rechts hinaus aus der Fußgängerzone, links hinein. Die Schaufenster laden mich nicht ein, hinter sie zu treten. Ich muss draußen bleiben. Sonst winken sie mir immer zum Abschied zu. Ich könnte etwas vergessen haben.

Der nächste Bus fährt in 2 Minuten. Wenigstens hier Glück! Soll ich mitfahren? Soll ich nicht? Ich zähle auf dem Fahrplan die Haltestellen ab: sechs Stück. KLICK! Ich soll, sagen meine tauben Zehen. Meine Hände stecken taub in den Jackentaschen. Sieht irgendein Wartender wie ein Kontrolleur aus? Tauchen die nicht immer zu mehreren auf? Eine Gruppe von drei Männern in grauen Mänteln steht plaudernd beieinander und steigt hinten ein, als der Bus zischend seine Türen aufklappt. Ich gehe mit Monatskartenmiene am Fahrer vorbei und postiere mich nahe einer Tür. Es geht los. Ich habe die Männer im Blick. An der zweiten Haltestelle lacht einer laut und haut einem anderen auf den Rücken. KLICK! Nach der vierten Haltestelle schwärmen sie aus und tippen den Fahrgästen einem nach dem anderen auf die Schultern. Klamme Finger zücken glatte und zerknüllte Papierkärtchen. Ein Nicken quittiert sie. KLICK! Gleich ziehen sie mich heraus! Gleich bin ich da und schuldig! Erst ist die Frau neben mir dran. Schwarzes langes Haar, darauf eine schwarze Mütze, darunter weiße Haut und ein blutroter Mund. KLICK! Sie greift in ihre Manteltaschen und drückt beim Festhalten an der Stange wie zufällig auf den „Tür-auf“-Knopf. KLICK! Halten. Türen zischen. Sie springt die Stufen hinunter und hinaus, der Kontrolleur hinterher. KLICK! Die anderen folgen. Zischen. Schließen. Ich bleibe drinnen und einer aus der Dunkelziffer.

 

Mein Rucksack landet polternd auf dem Laminat, meine Jacke oben drauf. Alle Bügel am Kleiderständer sind belegt. Die Wärme der Wohnung erreicht mich nicht. Ich werfe den letzten eingetrockneten Kaffeefilter in den Müll und ziehe einen neuen aus dem Schrank. Für eine Kanne reicht das Pulver noch. Als der Kaffee durch die Maschine schlürft, gehe ich zum Fenster. Mein Blick ins leere Blau verschwimmt. Meine Tränen wärmen mich kurzzeitig auf. KLICK!