Der Gast ©Ulrike Miesen-Schürmann 2006
Anna schaut aus dem linken der drei riesigen Terrassenfenster. Dahinter ergießt sich ein dunkelgrünes Meer von nassen Sträuchern und Büschen. Es ist halb elf Uhr morgens. Anna verschränkt die Arme und wandert über das Parkett im leeren Erker umher. Ihre Turnschuhsohlen quietschen, ihr Mantel raschelt. Sie schweigt.
„Wo bleiben die bloß?“, übertönt ihr Freund ihre Schritte. Er sitzt mit übergeschlagenen Beinen zurückgelehnt auf dem hellen Ledersofa, das so neu nach herbem Leder riecht, dass ihr schlecht wird. „Schließlich war zehn Uhr abgemacht. Das gibt Abzug in der Rechnung“, schimpft er.
„Ach, die kommen schon. Heute Abend stehen die Möbel bestimmt“, versichert Anna und legt ihm eine Hand auf die Schulter, als sie bei ihrem Weg durch das 50 m² große Wohnzimmer an ihm vorbeikommt. Seine Locken im Nacken werden grau, stellt sie fest.
Geschickt umfasst er Annas Handgelenk, führt sie um die Rückenlehne herum und zieht sie auf seinen Schoß. Er drückt seinen Kopf genüsslich an ihre Brüste.
„Nicht.“ Sie löst sich von ihm und geht wieder zum Fenster.
Vor zwei Monaten hatte er im Hotel eingecheckt. Nun wollte er bleiben und mit ihr leben. Den Kaufvertrag für das Haus unterschrieb er allein.
Sie hatte hinter dem Mahagonitresen der Rezeption in ihrer dunkelblauen Uniform gestanden und ihm den Durchschlag des Formulars und den Zimmerchip zugeschoben. Er war auf ihrer Augenhöhe. Trotzdem fühlte sie sich so klein wie sie war. Das breite Lächeln von weißen dritten Zähnen haute sie um. Versehentlich steckte sie seinen teuren Füller ein. Zur Strafe lud er sie zum Essen ein. Als sie pflichtbewusst ablehnte, fragte sie sich, ob sie es bedauern sollte. Gäste kommen und gehen. Dieser Gast konnte warten. Er hatte sich auf Empfehlung seiner Firma für unbestimmte Zeit in einer Suite eingemietet. Anna schloss anhand der Rechnungen, dass ihm der Wäscheservice und die Gesellschaft an der Bar gut gefielen. Eines späten Abends passte er sie ab und wiederholte seine Einladung mit dem Versprechen, dass niemand im Hotel etwas erfahren würde, wenn Sie zu ihm in den BMW stiege. Sie war müde, zu müde für einen weiteren Korb. Später kicherte sie vom Rotwein und fand am nächsten Morgen eine gelbe Rose im Glas auf ihrem Nachtschrank. Ganz Gentleman war der Gast zurück ins Hotel gefahren. Frank hieß her.
Anna war sehr beeindruckt von seinen Geschäftsreisen in die unsichersten Länder Afrikas. Sogar bewaffnete Leibwächter hatte man ihm zur Seite gestellt. Das Essen ließ er sich etwas kosten, die Bedienung auch. Warum war er nicht verheiratet? Zu viel gereist; zu wenig Zeit an einem Ort. In dieser Stadt könnte es ihm gefallen, sagte er beim vierten Date. Danach küsste er nicht nur ihre Fingerspitzen.
Sie will ihn ablenken und streckt die Arme aus, als würde sie die nasse Welt draußen umarmen wollen.
„Wenn erst einmal alles blüht, dann wird es hier wunderschön sein.“
„Gut, dass wir uns darum nicht kümmern müssen“, sagt er.
Sie zieht den Mantel wieder enger um sich. Ihr ist kalt.
„Du magst keine Gartenarbeit?“
Er lacht mit seinen weißen Zähnen. „Schatzi, dafür gibt es Gärtner.“
Er soll keine Zeit zum Schimpfen haben.
„Möchtest du auch einen Kaffee?“, fragt sie.
„Ja, gern.“
Sie wandert in die Küche. Ihre mitgebrachte braune Kaffeemaschine sieht aus wie ein Dreckfleck zwischen den schneeweißen Schränken und dem schimmernden Stahl. Die danebengefallenen Kaffeekrümel schreien nach einem Lappen, der sie unbedingt wegwischen soll.
Anna drapiert das neue weiße Geschirr auf einem Tablett und jongliert es zu ihm.
„Was denken die sich dabei? Die brauchen wohl keine Aufträge, wie?“, murrt er nach dem ersten zuckersüßen Schluck.
„Vielleicht finden sie das Haus nicht“, vermutet Anna.
„Quatsch! Wenn die jetzt kommen, machen wir nicht auf“, droht er schnaubend.
Sie schaut ihn an. Ihr fallen die roten Äderchen auf seinen Wangen auf, aber ihr fällt nichts ein, was sie sagen könnte. Sie sollte ihn wohl ernst nehmen.
Es klingelt.
Anna will aufstehen. Er packt ihr Handgelenk. Sie starrt auf seine weißen Fingerknochen. Es tut weh. Er zieht sie zu sich und hört ihn an ihrem Ohr atmen. Ihr wird übel.
„Du machst nicht auf!“, raunt er und lässt sie los. Dann greift er sich seine Kaffeetasse und lehnt sich wieder in die Kissen.
„Ich habe noch Kekse mitgebracht“, sagt Anna.
„Schön, dann hol’ sie!“ Seine Augen leuchten sie an. „Danach lassen wir uns heute von niemandem mehr stören. Sollen sie sehen, was sie davon haben uns warten zu lassen“, beschließt er.
Anna steht auf.
Es klingelt wieder.
Ihre Schuhe quietschen über das Parkett und werden immer leiser. Nur der Motor des Umzugswagens dröhnt kurz auf und jemand legt den Rückwärtsgang ein.