(Auszug auf einem Roman, Arbeitstitel "Zu wenig geweint")
Prolog
„Kästner?“ Frieders Atem rennt vom Fahrradfahren. Mit tiefer Stirnfalte steht er in Steppjacke, Ledertasche unter dem Arm neben dem Telefontischchen. Die schmalen Wangen sind rot vom späten Winter draußen.
„Hallo Sohnemann. Ich bin’s...“
„Mutter! ... Seit wann rufst du mittags an?“
„Er ist nicht da.“
„Ach, deshalb. Wie geht…“
„Du... ich habe eine Bitte an dich“, unterbricht sie Frieder, „Vater … Vater ist nicht nach Hause gekommen. Bitte such’ ihn! Er ist in den Wallanlagen; hat mir sogar erzählt, dass er dorthin will.“
„Zu Mittag nicht nach Hause? Ist das so ungewöhnlich?“
„Frieder - tu’s einfach. Bitte, bring ihn heim!“ Mutter klingt verzweifelter als sonst.
„Sicher... sicher. Ist alles in Ordnung?“
„Nein, aber mach’ dir keine Sorgen!“
Frieder springt die Treppe hinauf und wirft die Tasche auf die saubere Schreibtischunterlage seines Arbeitszimmers, darin zwei Packen Klassenarbeiten, die er jetzt mindestens zwei Wochen nicht anschauen muss. Osterferien! Bis eben freute er sich noch auf den bereits halbgefüllten Koffer im Zimmer nebenan, in den er bis Sonntag Hosen, T-Shirts, Sonnenschutzmilch mit hohem Lichtschutzfaktor, Bücher und festes Schuhwerk packen will… wollte? Der Rucksack wird Handgepäck, ...würde, wenn nichts passiert ist. Frieder nimmt sich die Zeit für den Anblick des Koffers in dem ungenutzten Raum neben ihrem Schlafzimmer. Ein paar Sekunden werden schon nichts ausmachen. Mit einem Seufzer betrachtet er Sabines neuen dunkelroten Badeanzug ganz oben auf ihrem Stapel, wagt ihn zu berühren. Als hätte er sich verbrannt, zucken seine Finger zurück und kämmen hastig durch das rot-blonde Haar im Nacken. Dann stürmt er die Treppe hinunter. Wenn Mutter schon deshalb anruft…
Als Frieder das Reihenhaus verlässt, stoppt er noch einmal neben dem Rennrad im Vorgarten. Das oder das Auto? Sein Schlüsselbund klimpert in der Jackentasche. Er trägt das Fahrrad durch den niedrigen Kellereingang und stellt es ganz hinten in den letzten Raum, wie immer, wenn sie in Urlaub fahren. So schlimm darf es nicht sein!
Den Grünstreifen der Stadt mit seinem Wassergraben, der sich im Zickzack um die Innenstadt schlängelt, kennt Frieder von vielen Sonntagnachmittagen. Mit platt gekämmtem Schopf und drückenden Sonntagsschuhen musste er seinem Vater zuhören, der meistens vor Mutter und ihm herlief:
„Dies ist die erste Verteidigungsanlage, aus der man einen englischen Landschaftsgarten gemacht hat, und das auf Beschluss des Senats. Da gab es noch Hoffnung.“
Heute hat Frieder weniger Hoffnung, obwohl er sogar einen Parkplatz direkt bei den weißgekalkten Villen findet. Er schaut nicht einmal hin, als sich sein Golf auf Knopfdruck schließt, sondern läuft gradewegs zwischen den hundert Jahre alten Laubbäumen hindurch über die kleine Brücke, die „gleich nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde“, wie der Vater immer wieder betonte. Mutter lächelte dazu; Frieder schaute auf seine glänzenden Schuhe.
Jetzt schiebt er seine Brille die Nase hinauf und wirft seinen Blick abwechselnd auf diesen und den gegenüberliegenden Weg, der sich immer in Sichtweite des Ufers durch Rasenflächen und Gebüsch windet. Dazwischen steht die dunkle Brühe des Wallgrabens. Zwischen den Ästen der leeren Bäume murrt der nachmittägliche Stadtverkehr, der sich durch die Stadt quetscht. In den Geruch von nassem Gras mischen sich Abgasfäden. Nachts friert es immer noch, stellt Frieder fest, als er in einer schattigen Nische an einem Busch weiße Blattränder entdeckt. Hier möchte er seinen Urlaub nicht verbringen, wenn sie schon nicht ans Mittelmeer fliegen können. Er kneift seine Lippen zusammen und beschleunigt, als ob er dem Süden mit jedem Schritt näher käme.
Auf einer Bank direkt am Wasser versteckt sich ein alter Mann mit Handschuhen hinter einem Buch. So kann er sich hier den Vater vorstellen. Der Sohn versucht sich zu erinnern, wann er das letzte Mal mit ihm hier war – keine Antwort. Sicher will ich es vergessen.
Der Mann auf der Bank lässt sich nicht von den Enten stören, die vor ihm durcheinander schwimmen. Früher hat Frieder sie an diesem Platz füttern dürfen. Heute verfolgen sie ihn wieder, bis ihn sein strammer Schritt durch die hellgrünen Eichen weg vom Wasser auf die Rasenfläche vor das alte Polizeigebäude führt. An dieser Stelle sagte er immer: „Damals hatten sich die Alliierten darin breit gemacht. Genützt hat es auch nichts.“ Danach lachte er stets allein und bitter vor sich hin. Frieder stoppt mitten auf dem Weg und fragt sich zum ersten Mal: Was hätte es nützen sollen? - Wieder keine Antwort.
Wo ist er bloß? Umgekippt? Kann nicht weiter?
Frieder dreht sich noch einmal um. Vielleicht hat er sich versteckt? – Nichts.
Er erreich eine Straße. Die Ampel ist ihm heute zu weit entfernt. Zwischen den Fahrbahnen muss er Autos und eine Straßenbahn vorbeifahren lassen. Ein Fahrer streckt seine Faust aus dem Fenster. An der Kunsthalle vorbei führt ihn der Weg wieder hinab zwischen die Grasflächen, weg vom Straßenkrach. Dort unten liegt ein Café direkt am Wasser, aber Frieder war noch nie dort, obwohl er gern seinen Milchkaffee draußen am Wasser trinkt; Bine mag lieber Espresso. Wie früher mit den Eltern zieht es ihn nach rechts, hinauf zur Anhöhe, auf der ein über zwei Meter hohes Rund aus dunkelrotem Backstein steht. Ein Riss zieht sich durch den Mörtel, aber für Frieder sieht die Wand immer noch genauso unüberwindbar aus wie damals. Bei jedem Spaziergang trieb der Vater sie zu dem Platz davor hinauf. Oben angekommen setzten sich die Eltern immer auf eine der Bänke mit Blick auf den Fluss. Der kleine Frieder durfte den Hügel hinauf- und hinunterlaufen. Wage erinnert er sich an Versteckspiele zwischen den Bäumen, die Mutter irgendwann schnaufend aufgeben musste. Währenddessen stierte der Vater auf den Fluss. In den Steinbogen durfte Frieder nie hineingehen. Das väterliche Verbot hörte er so lange, bis er sich den Spaziergängen mit Hausaufgaben für die nächste Woche entziehen konnte.
Vor einigen Jahren las er von den Backsteinen als einem Kriegerdenkmal, aber betreten hat er es auch danach nie. Heute setzt Frieder langsamer als früher einen Fuß vor den anderen den Weg hinauf. Ein Motorrad kreischt die Uferstraße entlang. Frieders Blick überwindet die niedrige Mauer, die den Platz vor dem Backsteinrund vom Park abgrenzt. Dort erkennt er die übergroße Skulptur einer mageren Mutter mit ebensolchen Kindern wieder. Sie schauen in das Denkmal. Der Vater setzte sich am liebsten auf die Bank, die möglichst weit von dieser Mutter entfernt stand, fällt Frieder jetzt auf. Noch ein paar Schritte und er erreicht den Mauerdurchgang. Da entdeckt er eine Gruppe von Männern, die eine halbleere Flasche mit einem milchigen Getränk von Mund zu Mund gehen lassen. Frieder will einfach nur weiter - wie immer, wenn er solche Männer mit ausgezehrten Kleidungsstücken und rot geäderten Wangen sieht, aber bevor er den Platz überqueren kann, erblickt er den Vater in ihrer Mitte. Das weiße Haar steht wirr in alle Richtungen. Die weiße Hand greift zur Flasche, verfehlt sie. Die Männer lachen gurgelnd, zwei husten. Dann reichen sie dem dünnen Alten die Flasche. Der Vater schüttelt nur den Kopf, grinst, trinkt. Das kann er nicht… So einer ist er nicht. Nicht das Grinsen, nicht das Trinken.
Der Kehlkopf wandert auf und ab. Dieser faltige Hals kennt hochprozentigen Alkohol, dämmert es Frieder. Er bleibt an diesem Anblick hängen, als sähe er seinen Vater heute das erste Mal – nach 44 Jahren. Nie wieder wegen ihm ein schlechtes Gewissen. Nie wieder muss ich auf ihn hören…